POSITIONEN & THEMEN
FPÖ-initiierte rechte Demo in Wien gegen den Bau einer Moschee im 20. Bezirk. (Foto: no-racism.net)Von Rosmarie Thüminger (2.6.2008)
Seit Wochen ist Tirol zugepflastert mit Plakaten, deren Aussagen jeglichem humanen, solidarischen oder auch nur vernünftigen Empfinden widersprechen. Es geht mir schlecht, wenn ich lesen muss: Soziale Sicherheit für UNSERE Leute. Tiroler ZUERST. Oder: Glockenklang statt Muezzingesang. Oder: Tirol den Tirolern, weil es um UNSERE Zukunft geht. Vom Plakat mit dem letztzitierten Spruch lacht ein Bub, der ausschaut, wie sich die FP offensichtlich einen kleinen Tiroler wünscht, blond und ländlich gekleidet, vielleicht ein bisschen unterbemittelt
Es geht mir schlecht, wenn ich bei jedem Infostand, den wir in unserem KPÖ-Wahlkampf organisieren, von Passanten hören muss, dass Flüchtlingen alles vorne und hinten hineingesteckt bekommen, während wir von morgens bis abends hart arbeiten müssen; dass jeder Asylant sofort seine Familie nachholt und gesundheitlich sanieren lässt, und die Krankenkassen sich dadurch tief verschulden; dass alle jene, die keine Österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, in Tirol nichts verloren haben, und sie keinerlei Sozialleistungen bekommen dürfen; wenn nett aussehende ältere Herrschaften Anekdoten über undankbaren Asylanten erzählen, die Essen wegschmeißen oder Spenden verkaufen, und solch vereinzelten Vorkommnisse automatisch allen Flüchtlingen anlasten; wenn ich im Lokalfernsehen höre, wie junge und alte KatholikInnen lamentieren, dass in einem heimischen Ortsfriedhof auch Muslime nach ihren eigenen Riten gewaschen und begraben werden sollen, statt dass man sie als Tote in ihre Ursprungsland zurücktransportierte.
Wie gesagt, es geht mir schlecht in diesen Wochen. Wie aber ergeht es erst jenen Menschen, die dunkel- oder gar schwarzhäutig sind, deren Glaube sie in eine Moschee und nicht in eine Kirche führt, deren Muttersprache nicht tirolerisch ist und denen solche feindlichen, bösen Aussagen von hunderten Plakatwänden in die Augen springen? Die in Straßenbahnen oder in Geschäften tagtäglich mit derartigen Populismusparolen konfrontiert werden? Wie geht es jenen Kindern, deren Eltern vielleicht nur gebrochen Deutsch sprechen, deren Mutter ein Kopftuch trägt und die wie der Vater auf den Ruf des Muezzin hört?
Müssen sie sich nicht total ausgegrenzt und angefeindet vorkommen? Fremd in der Fremde?
Gut, mit Ende dieser Woche geht der Wahlkampf zu Ende. Zu befürchten aber ist, dass die Saat, in diesen Wochen gesät, aufgehen und bezahlt werden muss allerdings auch von der eingeborensten Tirolerin und dem eingesessensten Stammtischhocker. Denn eines ist gewiss und durch hundertfache Erfahrung bestätigt: Alles, angefangen von Sozialleistungen bis hin zu den Arbeitsrechten, alles, was zuerst den Anderen aberkannt und streitig gemacht wird, das wird bald auch den Eigenen entzogen.