KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Ein Ausflug. Rechnitz 1945.

Von Christoph Kepplinger (17.9.2008)

Lokalaugenschein am Sonntag: Österreich ist ein kleines Land und seine Heimaterde ist tief. Aus ihr drängen die Toten fortwährend an die Oberfläche, würde sie nicht verschlossen gehalten von jenen, die fest auf ihr stehen.

Ein kleiner Ort, dessen Felder voll mit Toten sind, ist das burgenländische Rechnitz, unweit von Oberwart, dessen Name gleichfalls nicht unvergessen ist. Durch ein Massaker an etwa 200 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945, zehn Tage vor dem Eintreffen der Roten Armee, erlangte dieser Flecken traurige Berühmtheit.

Es war ein Mordsspaß für eine vor dem eigenen Untergang stehenden Gesellschaft: Auf Einladung der Gräfin Margit von Batthyány, der Tochter des Industriellen und Kunstsammlers Heinrich Thyssen, waren die regionalen Anführer des NS-Regimes, aber auch Bewohner des Ortes selbst im Schloss (einem von der Gräfin unterhaltenen Erholungsort für die SS) versammelt, um zu feiern. Am Höhepunkt des Festes wurden Waffen ausgegeben und zur blutigen Tat geschritten. Im unweit des Schlosses gelegenen Kreuzstadl, der noch heute als Mahnmal verbleibt, starben die Opfer qualvoll unter der Folter und den Schüssen der Festgäste.

Zeugen gab es wenige. Jene Zwangsarbeiter, die die Erschossenen begraben mussten, wurden am folgenden Tag beseitigt. Nach Kriegsende verschwanden Ortsansässige, die zur Zeugenaussage vor Gericht bestellt wurden, unter nie geklärten Umständen. Bis heute beherrscht die Angst jene, die sich erinnern wollen.

Das Schloss, in dem sowohl die SS als auch die Zwangsarbeiter untergebracht waren, wurde in Brand gesetzt und existiert heute nicht mehr. Der damalige örtliche Gestapoführer Franz Podezin floh und wird bis heute in Südafrika vermutet. Graf und Gräfin Battyány, der Mittäterschaft und Fluchthilfe für die Haupttäter verdächtigt, ließen sich nach dem Krieg im schweizerischen Anwesen der Familie Thyssen nieder, die österreichische Justiz erhob nie Anklage. Noch bis 1996 lebte der ehemalige stellvertretende Gauleiter, SS-Oberführer und Blutordensträger, Tobias Portschy, rehabilitiert (NS-Amnestie 1957), hoch angesehen und bei besten Kontakten zu burgenländischen Landespolitikern, in Rechnitz. Bis zuletzt war er überzeugter Nationalsozialist und einschlägig politisch aktiv. Über den dunklen Ereignissen, während und nach des Massakers, kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee, lag und liegt bis heute eisernes Schweigen, das vereinzelt in mühsamer Erinnerungsarbeit immer wieder durchbrochen wird.

Elfriede Jelinek nahm die Grabungsarbeiten zu den Ereignissen in ihrem neuesten Theaterstück wieder auf, in dem sie Wort an Wort, Schicht auf Schicht in der Sprache zusammenführt, was noch ungesagt, ungewagt blieb: „Rechnitz (Der Würgeengel)“ wird im November 2008 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.

Der Verein REFUGIUS, das BMI und das Landesarchiv Burgenland widmen dem Thema demnächst ein Symposium: „Das Drama Südostwallbau am Beispiel Rechnitz“ , Landesmuseum Eisenstadt, 16.10.2008, 10:00–20:00 Uhr.

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