KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Die neue Ware Freiraum oder: Der neue, wahre Freiraum?

Bild: Andreas Siekmann / Trickle down. Der öffentliche Raum in Zeitalter seiner Privatisierung. (Foto: Joep de Graaff)

Von Christoph Kepplinger (9.6.2009)

Wien ist wieder einmal so anders, dass mir anders wird. Eben musste ich zweimal hinsehen, um zu glauben, was gerade als „Neuigkeit“ zur Tür hereinkam. Es geht um’s Museumsqu­artier im Speziellen und um die uns als Erholungs- und Freiraum zur Verfügung stehenden öffentlichen Plätze in dieser Stadt im Allgemeinen. Punkt eins der neuen Hausordnung des jährlich mit circa elf Millionen Euro aus öffentlichen Geldern finanzierten Museumsquartiers besagt: Das Konsumieren von alkoholischen Getränken, die nicht in den Gastronomie-Betrieben des MQ erstanden und in MQ-Mehrwegbechern ausgeschenkt wurden, ist nicht gestattet. Die „armen“ Wirte der schicken Gentrifizierungs-Gaststätten haben’s scheinbar bitter nötig. Aber notleidende Aperol-Ausschanken sind nicht der einzige Grund. Es geht um die knallharte Selektion des Publikums. Wer sich seine Halbe zum Feierabend lieber günstiger beim Diskonter genehmigt, darf in Zukunft draußen bleiben. Radler, Skater, Augustinverkäufer und Musiker übrigens auch. Das ist die neue Ordnung.

Wir kennen das eigentlich schon von der nicht nur in dieser Hinsicht unsäglichen Fußball-EM 2008. Da fand die Generalprobe statt: Öffentliche, also aus öffentlichen – also eigentlich unseren – Geldern erhaltene und allgemein zugängliche Flächen werden schlicht umgewidmet. Nein, nicht verkauft, nicht vermietet, verleast oder etwas in dieser Art. Verschenkt wäre der richtige Begriff. Schenkungsgrund: Ökonomische Verwertung. Um das durchzusetzen werden einfach die Nutzungsregeln verändert. Wieder: Nicht durch die Bevölkerung, nicht durch demokratische Entscheidungen, sondern durch Anordnungen aufgrund von Geschäftsverträgen. Der Öffentliche Raum ist eine Ware geworden. Und die Botschaft lautet: Die Stadt gehört Dir. Nachsatz: Wenn Du bezahlst.

So wird die Stadt zur Sperrzone, öffentliche Flächen werden den Konsuminteressen privater Betreiber hingeworfen wie ein leckerer Happen. Bei der EM ist das schon so super gelaufen, am Donaukanal wird ein sündteurer Privatstrand nach dem nächsten eröffnet und jetzt ist halt das MQ dran. Wer da nicht mitmachen will, hat die Security am Hals und bleibt am besten gleich in seiner Wohnung, wenn er sich noch eine leisten kann.

Das Genannte ist nur ein Einzelphänomen im urbanen Aufwertungs- und Verwertungsprozess, der zum unausgesprochenen politischen Konsens geworden ist. Sauber, schick und mit zahlungskräftigen, feschen Statisten dekoriert soll die Stadt sein. Für den Rest heißt es: Auf Wiederschau’n. Und einen schönen Tag wünschen noch Ihr Bürgermeister, Ihre Stadtregierung, Ihre Wirtschaftstre­ibenden, Ihr Tourismusverband, Ihre Security-Groups und Ihre Polizei.

Rückblende in Gedanken – Berlin 1987: Als Konsequenz von Gentrifizierung, Konsumdruck, Mietenwucher, Verdrängung und Vertreibung von Subkulturen und sozial Schwächeren brannten am 1. Mai 1987 die Kreuzberger Straßen. Retrospektiv gesehen ein berechtigter Wutausbruch. Soweit sind wir in Wien noch nicht. Wir müssen noch lernen, uns diese Stadt wieder anzueignen, sie für uns zurückzuerobern. Und wenn wir das endlich tun, dann sind wir im Recht.

P.S.: Protest in Wien sieht (noch) so aus: Es wird gelöscht, bevor es noch brennt.

  • ORT/ZEIT: Samstag, 20. Juni 2009, 18.00–18.05 Uhr. Innenhof des Museumsquartiers (Museumsplatz 1/5, 1070 Wien).
  • VORGEHENSWEISE: Ab 18 Uhr wird 5 Minuten lang während des Trinkens regelmäßig laut zugeprostet!
  • ZIELGRUPPE: Alle, die ein Interesse daran haben, ihre mitgebrachten Getränke weiterhin im MQ trinken zu dürfen.
  • GRUND: Das MQ ist ein öffentlicher Platz und wird mit unseren Steuergeldern finanziert, im Jahr 2005 mit ca. 11 Mio. Euro. Wir sehen nicht ein, wieso wir dazu gezwungen werden sollten, das Bier vor Ort zu kaufen!

bring your beer to museumsquartier

orf-online LIFESTYLE (!): MQ: Privatgetränkeverbot sorgt für Unmut Foto: Joep de Graaff