SOS Klima: Systemwechsel ist erforderlich
Von Walter Baier (6.12.2009)
Trotz der spektakulären Ankündigung der USA, ihre Emissionen deutlich zu verringern, sind wenige Tage vor dem historischen Klimagipfel in Kopenhagen die Chancen für substantielle Fortschritte gering.
Vor allem spießt es sich in vier Punkten:
- Die erste Divergenz ergibt sich aus der vom Kyoto-Protokoll übernommenen
Struktur der Verhandlungen, die zwischen entwickelten und unentwickelten
Ländern unterscheidet. Im Hinblick auf weltweite Ziele zur Reduzierung der
Gasesmissionen, die den Glashauseffekt hervorrufen, wollen die Länder des
Nordens eine Sicht durchzusetzen, die ihnen ermöglicht, für sich selber Ziele
ohne bindenden Charakter vorzuschlagen. Andererseits wird behauptet, alle
Staaten verhandelten miteinander auf gleicher Augenhöhe. Dadurch wird jedoch
die historische Verantwortung der reichen Länder für die Erderwärmung
ausgeklammert, obwohl diese für 77 Prozent der Emissionen
verantwortlich sind.
- Die Versprechen hinsichtlich der mengenmäßigen Reduzierungen der
relevanten Emissionen sind im Hinblick auf die Dringlichkeit der Klimakrise
unzureichend. So haben etwa Russland und die EU sich zu nicht mehr als einer
Reduzierung um zwanzig Prozent verpflichtet. Angesichts dieser Lage hat die
Allianz der kleinen Inselstaaten ihre tiefe Besorgnis hinsichtlich ihrer
territorialen Integrität und der Gefahr von Massenmigration ausgesprochen.
- Die Finanzierung. Einerseits geht es um das Management der Mittel,
andererseits um ihre Aufbringung. Dabei treffen zwei diametral entgegen gesetzte
Auffassungen aufeinander: Die reichen Länder wollen die internationalen
Finanzinstitutionen (Internationaler Währungsfonds und Weltbank) mit der
Verwaltung der Mittel betrauen. Doch diese sind für die bisherige desaströse
Klimapolitik mitverantwortlich. Genau deshalb sprechen sich die
Entwicklungsländer und die sozialen Bewegungen auch dafür aus, dass die Gelder
einem der UN unterstellten Fonds überantwortet werden. Was die Aufbringung
betrifft, schlägt die EU-Kommission einen Schlüssel vor, demzufolge zwanzig
Prozent von den entwickelten Ländern, 40 Prozent durch flexible
Mechanismen im Zusammenhang mit Emissionsmärkten kommen sollen was eine
neue Spekulationsblase schaffen könnte , und 40 Prozent von den
Entwicklungsländern selbst getragen werden sollten.
In dieser Lage besteht die reale Gefahr, dass der Klimagipfel in Kopenhagen
die weltweiten sozialen Ungerechtigkeiten verschärfen wird. Dem setzen die
sozialen Bewegungen ihre eigene Agenda entgegen. Sie fordern einen
Systemwechsel, der die Herstellung weltweiter sozialer und ökologischer
Gerechtigkeit zum Ziel hat. Sie verlangen ein neues Entwicklungsmodell,
nachhaltig und in Übereinstimmung mit den Rechten der Arbeitenden, der Frauen
und der indigenen Bevölkerungen. Aus Anlass des Gipfels versuchen sie mit
breiten Aktionen und einer weltweiten Mobilisierung die öffentliche
Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu richten.