POSITIONEN & THEMEN
Foto: Archivbild orf-Ö1Von Lutz Holzinger (9.12.2011)
Mit Werner Kofler, der am 8. Dezember gestorben ist, verliert die österreichische Gegenwartsliteratur einen besonders eigenständigen, konsequenten und streitbaren Autor. Bereits seit 1963 literarisch tätig, agiert Kofler, der in Villach geboren und aufgewachsen ist, ab 1968 als freiberuflicher Schriftsteller. Neben zahlreichen Hörspielen schreibt er vor allem Prosa. Mit Guggile: Vom Bravsein und vom Schweinigln (1975 bei Wagenbach) ist ihm das erste aus einer ganzen Reihe origineller und erfolgreicher Bücher gelungen. Kofler hat nicht wie Thomas Bernhard etwa eine Masche, einen Stil, eine Technik entwickelt und sie auf jeden Stoff angewandt, der ihm unter die Hände kam. Vielmehr ist es ihm gelungen, für jedes Vorhaben eine passende Schreibweise zu entwickeln, die Leserinnen und Leser nahezu ausnahmslos in Beschlag nimmt. Sie führt dazu, dass kaum aufhören kann, wer Kofler-Texte zu lesen beginnt.
Ein besonderer Vorzug des Autors besteht darin, dass er nicht im Allgemeinen hängen blieb, wenn er ein Thema aufgriff. Er sprach nie abstrakt von dem Nationalsozialismus oder dem Katholizismus, sondern er stellte Personen mit Namen und Adresse und gab konkrete Situationen wieder, die politische und soziale Situationen sinnlich-anschaulich werden ließen. In der Darstellung von Elementen der Alltagswirklichkeit entwickelte Kofler überdies viel Sinn für Humor. Das trifft ganz besonders auf Kalagnik zu (eines von zwei Prosastücken im Band Aus der Wildnis (1980 bei Wagenbach), in dem er seine Erfahrungen als Präsenzdiener beim Bundesheer (in der Zeit, bevor man sich für den Zivildienst entscheiden konnte) zu Papier brachte. Als Leserin/Leser wundert es einen, dass das Bundesheer nach Erscheinen der Erzählung nicht sofort ersatzlos gestrichen wurde.
Wo Kofler hinschlug, wuchs im übertragenen Sinn kein Gras mehr. Frühzeitig setzte er sich etwa mit den Fragwürdigkeiten der geschlossenen psychiatrischen Anstalten auseinander (Ida H. Eine Krankengeschichte, 1978 bei Wagebach) und immer wieder vor allem aus Kärntner Sicht mit Nazi-Schergen und Kriegsverbrechern, denen kein Haar gekrümmt wurde und die völlig unbehelligt ihre Nostalgie pflegen konnten. Gegen den Autor wurden mehrfach Klagen vom Zaun (u.a. von Janneé von der Kronenzeitung) gebrochen, die jeweils vor Gericht abgeschmettert wurden.
Anlässlich seines 60. Geburtstag ist 2007 bei Drava das von Klaus Amann herausgegebene Lesebuch In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor erschienen. Im Nachwort schreibt der Herausgeber: Koflers Texte sind kunstvoll kühne, zuweilen rafiniert-infame literarische Extrapolationen dessen, was ist (oder war). Doch erst die radikale literarische Bearbeitung des individuellen (Lebens-)Stoffes, die Neuerfindung des Authentischen im formalen Arrangement des Textes, macht aus dem penibel Recherchierten oder Erinnerten, aus dem historisch oder biografisch Zufälligen, Literatur. Es ist dies ein literarisches Programm, das die Grenzen zwischen Literatur und Leben, zwischen Realität und Fiktion ganz bewusst zum Verschwinden bringt und das seine Wirkung nicht zuletzt aus der Aufhebung gewohnter Maßstäbe und Wahrnehmungsweisen bezieht.
Im besten Sinn radikale Literatur.