KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

In Memoriam Franz Muhri

Franz Muhri (links im Bild) mit Anton Hofer, dem langjährigen Vorsitzenden des GLB.

(7.9.2011)

Am 7. September 2001 verstarb in Wien der langjährige KPÖ-Vorsitzende Franz Muhri.

Nachfolgend die Presseerklärung der KPÖ vom 8.9.2001 und ein Video von einem der letzten öffentlichen Auftritte von Franz Muhri.

(KPÖ-PD): Franz Muhri, der von 1965 bis 1990 Vorsitzender der KPÖ war, ist gestern im Alter von 76 Jahren in Wien verstorben.

„Franz Muhri war ein Politiker seltener Art. Für ihn war die Vertretung der Interessen der Arbeitenden Sache des Herzens und des Verstandes. Wir verlieren einen Genossen und Freund, der eine bedeutende Persönlichkeit der österreichischen und internationalen ArbeiterInnen­bewegung war. Wir verlieren einen Kampfgefährten, der bis in seine letzten Lebenstage aktiv an der Erneuerung des Kommunismus mitwirkte“, so KPÖ-Vorsitzender Walter Baier.

Franz Muhri kam am 21.Oktober 1924 in einfachsten Verhältnissen im steirischen Steyeregg zur Welt. Sein Ziehvater, selbst Bauarbeiter, brachte den 15 jährigen zunächst in seinem Bautrupp bei der Graz-Köflacher Eisenbahngese­llschaft unter. Später konnte Muhri einen Abendkurs an der Grazer Handelsschule besuchen und als Lohnverrechner arbeiten. In dieser Zeit schloß sich Muhri der antifaschistischen Widerstandgruppe um den jungen kommunistischen Lehrer und Dichter Richard Zach an, der 1941 von den Nazi verhaftet und 1943 hingerichtet wurde und als dessen Schüler sich Muhri in gewissem Sinn Zeit seines Lebens verstand.

1942 wurde Muhri von der deutschen Wehrmacht eingezogen. 1943 konnte er auf die Koralpe flüchten, wo er sich der dort operierenden Widerstandsgruppe anschloß.

Nach der Befreiung begann Muhri sofort in der KPÖ politisch zu arbeiten und wurde zunächst in seinem Heimatbezirk Deutschlandberg als Bezirkssekretär gewählt. 1954 wurde Muhri erstmals als Kandidat in das Zentralkomitee der KPÖ gewählt und gleichzeitig zu einem 3 jährigen Studium an die Hochschule für Gesellschaftswis­senschaften beim ZK der KPdSU nach Moskau delegiert.

Nach seiner Rückkehr arbeitete Muhri erneut in der Steiermark, ab 1959 als Landessekretär. Seit 1961 war Muhri Mitglied des Politischen Büros und damit der engeren Parteiführung. 1965 löste er schließlich am 19. Parteitag den langjährigen Vorsitzenden Johann Koplenig ab.

Den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in die CSSR hat die KPÖ zunächst verurteilt und die Forderung nach einem Abzug der Warschauer-Pakt Truppen erhoben. Franz Muhri erklärte damals auf einer ZK-Tagung: „Auf der anderen Seite sehen wir, dass im Namen der Souveränität fünf Parteien entschieden haben, in die CSSR einzumarschieren. Damit haben sie die krasseste Verletzung der Souveränität begangen – im Namen der Souveränität!“ 1993 schrieb Muhri bezüglich der späteren Revision der Haltung der KPÖ: „Es war ein Fehler, dass wir von der ursprünglichen kritischen Haltung abgegangen sind.“

Durch die Verurteilung des Einmarsches der Warschauer Paktstaaten in die CSSR erreichten aber die bereits seit längerem schwelenden politischen Differenzen in der KPÖ neue Dimensionen. Muhri versuchte am Höhepunkt der Krise, am 20. Parteitag im Jänner 1969, eine Spaltung der Partei zu verhindern. Unter Androhung seines Rücktritts vom Parteivorsitz setzte ersich für die Wiederwahl von Ernst Fischer, Franz Marek und anderen Mitgliedern, die inzwischen isoliert worden waren, in das ZK ein. Den kurze Zeit darauf trotzdem erfolgten Bruch konnte Muhri nicht mehr verhindern.

Später schrieb Muhri in seinen Erinnerungen nicht nur über diese Zeit: „Manche haben mich, schon bevor ich Parteivorsitzender wurde, wiederholt kritisiert, daß ich zum "Versöhnlertum“ neige, im Menschen zu sehr nur das Positive zu sehen geneigt bin. Als Parteivorsitzender sah ich erst recht als meine Aufgabe, einigend und ausgleichend zu wirken, soweit das möglich war. Auch heute noch bin ich der Meinung, es ist besser, negative Seiten einer Genossin oder eines Genossen etwas spät zu erkennen, als ihm Unrecht zu tun."

Unter dem Vorsitz Muhris beschloß die KPÖ 1982 ein neues Parteiprogramm – „Sozialismus in Österreichs Farben“-, das unter Berücksichtigung der damaligen Bedingungen in vieler Hinsicht eine Abkehr von dogmatischen Vorstellungen von Sozialismus vertrat.

Der Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa überraschte Muhri, wie alle anderen Mitglieder der Führung der Partei. Aber seine Ablöse als Parteivorsitzender und die Verjüngung der Parteileitung hatte er bereits seit langem vorbereitet. Nach 25 Jahren an der Spitze der Partei zog er sich 1990 in die zweite Reihe zurück und half mit, nach den schweren Erschütterungen, die die neue weltpolitische Lage in den Reihen der KommunistInnen hervorgerufen hatte, die KPÖ auf erneuerter politisch-ideologischer Grundlage zu konsolidieren. Einen wichtigen Grund für das Scheitern des „realen“ Sozialismus in Europa sah Muhri im Abgehen von den sozialistischen und kommunistischen Idealen und Zielen.

1995 veröffen­tlichte Franz Muhri seine Erinnerungen unter dem Titel „Kein Ende der Geschichte“. Darin reflektierte er nicht nur kritisch und selbstkritisch die jüngere Geschichte der kommunistischen Bewegung und der KPÖ. Dass es einer sozialistischen Alternative zum Kapitalismus, eines demokratischen Sozialismus bedarf, davon blieb Franz Muhri Zeit seines Lebens überzeugt.

„Man kann die Fehler und Versäumnisse einer politischen Partei und Bewegung nicht rückgängig machen. Sie sind bereits Geschichte, die nicht noch einmal begonnen werden kann. Man kann nur daraus lernen, versuchen, die Partei und Bewegung umzugestalten und einen aktiven Beitrag zu leisten, daß die Lehren in der Zukunft verwirklicht werden“, schrieb Muhri in seinen Erinnerungen.

Ein besonderes Anliegen, dem er sich in den letzten zehn Jahren und bis zuletzt, schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet, widmete, war die Rehabilitierung der österreichischen Opfer des stalinistischen Terrors, unter denen viele Mitglieder der KPÖ waren. Gemeinsam mit Walter Baier publizierte er im Juni dieses Jahres das Buch „Stalin und wir“, in dem er die Resultate dieser langjährigen Bemühungen und Forschungen in Form einer Liste von 245 offiziell Rehabilitierten und weiteren 55 Namen von Opfern des Terrors, seine politische Schlußfolgerungen sowie persönliche Erinnerungen an die Zeit, die er in Moskau verbrachte, vorlegte.

Zum Thema siehe auch Stalin und wir

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