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80 Millionen Überstunden bleiben in Österreich jährlich unbezahlt. Diese perfide Form der Lohnkürzung wendet auch der Diskonter Lidl an. Von Roman Gutsch (23.4.2008)
Keine Ahnung, ob Zeit unendlich ist, welche Eigenschaften ihr die Physik zuschreibt. Als Lebenszeit ist Zeit jedenfalls begrenzt. Eine nicht nachwachsende Ressource, deren Vorrat trotz aller Statistik eine ungewisse Größe bleibt und die subjektiv immer viel zu schnell erschöpft ist. Auf individueller Ebene ist sie daher ein äußerst knappes Gut, das sehr wertvoll ist und als Ware, sprich Arbeitszeit, sehr teuer gehandelt werden sollte aber häufig deutlich unter ihrem Preis gehandelt wird, gehandelt werden muss.
Miserable Löhne sind daher unmoralisch. Niemand soll sein Leben billig oder sogar gratis veräußern müssen. Eine unbezahlte Überstunde ist folglich, ob sie nun in einem unliebsamen oder noch erträglichen Job geleistet wurde, ein kleiner Skandal. Und die 80 Millionen unbezahlten Überstunden, die jährlich in Österreich, wie kürzlich die Arbeiterkammer mitteilte, geleistet werden, sind ein skandalöser Raubzug, der Unwiederbringliches, konkret Lebenszeit, stiehlt, die, Berechnungen zufolge, am Arbeitsmarkt 900 Millionen wert wäre.
Einer der Profiteure dieses systematischen Diebstahls ist der Lebensmitteldiskonter Lidl, der seine MitarbeiterInnen nicht nur, wie vor einigen Wochen publik wurde, in Deutschland ausspionieren ließ, sondern auch prellt. FilialleiterInnen werden von der Unternehmensleitung angehalten, sprich genötigt, ihre Untergebenen zu nötigen, maximal 10 Stunden pro Tag Arbeitszeit zu erfassen, auch dann, wenn sie mehr in der Regel elf oder zwölf Stunden gearbeitet haben.
MitarbeiterInnen in dieser Handelskette arbeiten aufgrund dieser Praxis für 1300 bis 1600 brutto monatlich 60 bis 70 Stunden die Woche, während die kostenlos Überstunden fressende Unternehmensleitung den Slogan ausgibt: 100 Prozent freundlich. Einfach freundlich dürfen die müden, um ein Stück ihres Lebens betrogene MitarbeiterInnen nicht sein. 100 Prozent Freundlichkeit haben sie selbst in den Stunden auszustrahlen, die ihnen zu 100 Prozent nicht bezahlt werden.