POSITIONEN & THEMEN

Von Mirko Messner (7.2.2008)
Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, bekanntgemacht lediglich durch einen exklusiv in der „Presse“ veröffentlichten Bericht vor gut einem Monat, ist in Österreich im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte eine „Revolution“ abgelaufen. Mit diesem Begriff beschreibt jedenfalls der Chef des Marktforschungsinstituts Fessel GfK die Ergebnisse der jüngsten, seit 1987 jährlich durchgeführten „Lifestyle“-Studie seines Instituts, für die mehrere tausend Menschen nach verschiedenen Aspekten ihrer Lebensweise und -einstellung befragt werden. Was also war Revolutionäres geschehen? In einem Satz: Die Einstellung zur „Arbeit“, gemeint ist Lohnarbeit, hat sich demnach radikal geändert. So haben auf die Frage „Wie wichtig ist sinnvolle und befriedigende Arbeit für Ihre persönliche Lebensgestaltung?“ vor 20 Jahren 71 Prozent mit der stärksten Zustimmung „sehr wichtig“ geantwortet. Und jetzt sind es nur noch 49 Prozent. Arbeit als Teil eines sinnerfüllten Lebens sahen vor zehn Jahren noch 84 Prozent der Befragten, 2007 waren es dagegen nur mehr 58 Prozent. Usw. Die Meinungsforscher waren über die von ihnen erhobenen Daten laut „Presse“ derart erstaunt, dass sie sicherheitshalber nachgerechnet haben. Aber das krasse Ergebnis blieb: Der Aussage „Man muss bereit sein, für seine Arbeit auch private Opfer zu bringen“, konnten vor 20 Jahren noch 71 Prozent zustimmen, und jetzt sind es nur mehr 34 Prozent.
„Arbeit“ und Beruf haben, so die Schlussfolgerung der Meinungsforschenden, nicht mehr die zentrale, sinnstiftende Stellung im Leben der ÖsterreicherInnen. Einerseits.
Andererseits kann man in der selben „Presse“ in einem weiteren Text nachlesen, dass „die Österreicher“ von Jahr zu Jahr mehr und länger arbeiten. Seit Mitte des Jahrzehnts steigen die Überstunden stark an, und auch das gesamte (Lohn-)Arbeitsvolumen, also alle geleisteten (Lohn-)Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen, nimmt ständig zu. 1995 arbeiteten die sogenannten „Vollzeitarbeitskräfte“ durchschnittlich 41,9 Stunden pro Woche. Heute sind es 44,8 Stunden. Gleichzeitig nimmt die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse zu: von 1995 bis heute hat sich der Anteil der Teilzeitangestellten an allen Erwerbstätigen von 14 auf 22,3 Prozent erhöht.
Die Bedeutung der „Arbeit“ (wie gesagt, der Lohnarbeit) hat also im Leben der meisten ÖsterreicherInnen sehr wohl an Gewicht zugenommen. Oder anders gesagt: während ein kleiner Teil der Gesellschaft selbst nach amtlichen Angaben immer reicher wird, wird es der große Teil nicht. Im Gegenteil: Die meisten Leute haben immer weniger Geld, müssen dafür aber immer mehr lohnarbeiten. Und die Zahl jener, die ihre laufenden Kosten trotz Mehrarbeit und größerem Stress nur mehr mit Mühe oder gar nicht mehr decken können, wird immer größer.
Glücklicherweise hat die SPÖ-Regierungsseite die richtige Antwort darauf gefunden: den Bedürftigsten 100 Euro einmalig auf die Hand (vielleicht). Es wäre falsch, angesichts dieser Jämmerlichkeit von einer Unfähigkeit der Politik zu sprechen. Sie ist im Gegenteil sehr fähig, denn sie legt jene realen ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen fest, die sich in der zitierten „Lifestyle“-Studie widerspiegeln: Die meisten Menschen veräußern sich zunehmend in der Lohnarbeit, und sehen immer weniger Sinn darin. Realitätssinn eben.