KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Stadt voller Zwänge

Polizeieinsatz unterm EURO-Banner

Von Melina Klaus (10.6.2008)

Es war Mittwoch, den neuen Augustin, die Wiener Straßenzeitung, am Westbahnhof gekauft. Titel: Stadt ohne Zwang. Ja, genau, denk ich mir. Dann Ankunft Praterstern. In dessen Nähe lebe ich seit 40 Jahren. Den neuen Partervorplatz, Grete Laskas Las Vegas, hab ich annähernd noch nicht verdaut, weil mir das Stadioncenter (EKZ) vom letzten Jahr noch im Magen liegt. Die Betreiberfirma sagte damals, es wird eine „Wohlfühloase“ (!) im grünen Parter (!!). Da kommt es für die Leopoldstädterin in mir weiter dicke. Jetzt haben wir noch einen neuen Bahnhof und eine U2 und eine EM. Das neue Bahnhofsgebäude brachte vielleicht mehr Licht, aber auch mehr private Security. Wenn es früher auch etwas schmuddelig war, was solls? Was war daran wirklich das Problem? Wer hatte ein Problem?

Auf den Bahnsteigen findet sich übrigens der bisherige Gipfel der Varianten der unbequemisierten Bänke. Sie sind so kalt, dass man/frau nicht mal mit dem dicksten Wintermantel drauf sitzen kann! Selbst ausprobiert und Popscherfrierung bekommen. Soweit zum Bahnhof. Ich komme also an und warte auf den Bus 80A. Der kommt nicht. Und als er dann 15 Minuten verspätet kommt, ist die Menge der Fahrgäste so groß, dass nicht mehr alle in den Bus passen. Weil nämlich die Straßenbahnlinie 21 wegen der U2-Verlängerung eingestellt wurde. In Wien, das haben wir vor Jahren schon am Gürtel gelernt, bedeutet nämlich U-Bahn-Ausbau nicht unbedingt Verkehrsverbes­serung. Nein, lediglich für Autos soll oberirdisch anscheinend Platz gemacht werden! SchülerInnen müssen Umwege in Kauf nehmen, Busse sich durch Staus schleichen, die just in dem Moment entstanden sind, als Königin Straßenbahn weichen musste, Fuß-Wegstrecken haben sich verdreifacht, Die Grünen und der KPÖ-Bezirksrat sind für den 21er aber der Herr Bezirksvorsteher findet den 21er auf Druck der Wiener Linien und seiner Stadträtin verzichtbar. Soweit zum Bus. Grant und das Gefühl von Machtlosigkeit machen sich breit in der Wartezeit. Aber nicht genug. Wie gesagt, EURO. Acht Polizei-Kleinbusse parken am Fahrradweg. Üben die? Gibt’s eine Demo? Plötzlich schwärmen sie in Kleingruppen aus, der Praterstern wird dunkel von Uniformen. Verteilt unter ein paar Bäumen, auf einzelnen Grünflächen sitzen Menschen. Alle werden perlustriert und zu den Fahrzeugen mitgenommen. Ich kann nur mutmaßen, eine solch massive Präsenz und das Vorgehen sollen ‚zero tolerance‘ ausdrücken. ‚Verschwindet hier während der Euro und dann am besten ganz‘.

Am Praterstern sitzen viele Menschen ‚rum, was solls? (Die meisten davon übrigens unter einer mächtigen Kastanie, die in Bälde dem weiteren Umbau zum Opfer fallen soll!) Eine bunte Truppe ist das übrigens meist, Menschen, die manche vielleicht Sandler nennen mögen, Menschen, die manche vielleicht Alkis nennen mögen, und Menschen, die manche vielleicht ganz normal nennen mögen, Menschen, die manche 'da-sitzen-immer-ganz-normale-Yugos‘ nennen mögen. Alles davon schon mal gehört und alles wird schon irgendwie zutreffen. Was allerdings nicht zutrifft: Dass diese Menschen alle gleich sind und dass sie stören! Es ist warm, manche plaudern, manche trinken, manche rauchen. Leute, was ist euer Problem damit?

Sauteurer Pratervorplatz als Nadelöhr und Konsummeile, Security, Polizei, beschnittener öffentlicher Verkehr, gefällte Bäume, Sitzgelegenheiten, auf denen mensch nicht sitzen kann, … ein Wiener Platz und rasante Veränderungen. Was heißt Veränderungen, Zwänge! Eigentlich Bedrohungen, Beschneidungen, die mich da, wenn ich auf diesem Platz stehe, mit einer Schnelligkeit umzingeln.

Der zweite Bus kommt, wieder überfüllt, doch ich steige ein. Schnell mach ich noch Fotos des Polizeieinsatzes mit meinem Handy. Ich steige ein in den Bus mit, wie wir in Wien sagen, ‚solchen Kabeln‘. Die Übersetzung für Wut, Grant, Unverständnis und wieder dem Anflug von Machtlosigkeit. Wohin damit? In einen Leserinnenbrief an den Augustin, in einen Kommentar für diese website, in einen Anruf beim Bezirksvorsteher. Besser als nichts, aber lange nicht genug!

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