POSITIONEN & THEMEN
Bildungsangebote, so vielfältig wie Kinder
es wäre machbar.Von Rosmarie Thüminger (13.2.2009)
Ende 2008 präsentierte die AK-Tirol eine Studie zur Nachhilfesituation und lud anschließend ExpertInnen von Landesschulrat, Schulpsychologie, Lehrerausbildung, Nachhilfeinstitutionen und ElternvertreterInnen zu einem Podiumsgespräch.
Zuerst das Positive. Mit einer gewissen Befriedigung konnte ich feststellen, dass im Vergleich zu den Siebzigerjahren, als meine eigenen Kinder die Schule besuchten, zumindest die Auffassung der GymnasiallehrerInnen und ElternvertreterInnen sich als fortschrittlicher präsentierte. Während man uns damals als Vorraussetzung für den Besuch eines Gymnasiums drei Bedingungen nannte (zumindest ein Elternteil mit Matura, ein eigenes Zimmer für jedes Kind und genügend hohes Familienbudget für Nachhilfe), wurden hier tatsächlich die vielschichtigen Gründe diskutiert, die das Leben der SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern schwer machen und sie oft vor schier auswegslose Probleme stellen.
Kurz ein paar Fakten: In Tirol wurden 2007/2008 pro SchülerIn im Durchschnitt 515.- Euro für Nachhilfe ausgegeben. 43 Prozent der Eltern empfinden den finanziellen Aufwand als große Belastung. Und: Je niedriger der soziale Status, desto mehr Nachhilfe ist notwendig und desto weniger Geld für Nachhilfe ist vorhanden. Gründe für die Nachhilfe sind unter anderem: Zu viele SchülerInnen pro Klasse, schlechte LehrerIn-SchülerIn-Beziehung, schlechtes Erklären, mangelnde Motivation, familiäre Probleme.
Nun, zu Beginn der Semesterferien, hat die AK-Tirol gemeinsam mit dem BFI in allen Bezirken ein Hilfsprogramm gestartet. Teilnehmen können alle SchülerInnen aus mittleren und höheren allgemein- und berufsbildenden Schulen und Hauptschulen. Die Nachhilfekurse dauern täglich 2,5 Stunden pro Gegenstand und laufen während der Ferienwoche (auch in den Osterferien) von Montag bis Donnerstag. Mit 60,– Euro pro Kind sind sie kostengünstig und sicherlich sehr zu begrüßen.
Trotzdem kann der Arbeiterkammer Kritik nicht erspart werden. Wenn AK-Präsident Zangerl argumentiert, dass dieses Angebot notwendig ist, um die Eltern, die eine jährliche Belastung von 7,3 Millionen Euro für Nachhilfe zu tragen haben, finanziell ein wenig zu entlasten, und er gleichzeitig die Notwendigkeit des Ausbaus von Ganztagsschulen und eine besserer Lehraus- und Weiterbildung fordert, ist zu fragen: Warum hat sich die AK nicht schon lange dafür eingesetzt? GLB, KPÖ, der Bund Demokratischer LehrerInnen und Frauenorganisationen kritisieren seit Jahrzehnten das österreichische Schulsystem, das Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten extrem benachteiligt, das berufstätigen Eltern, naturgemäß vor allen Müttern, die Ausübung ihrer Erwerbstätigkeit noch schwerer macht. Und warum fordert die AK-Tirol nur Ganztagsschulen? Ganztagsschulen sind notwendig, aber sie genügen nicht. Es muss endlich die Selektion in der fünften Schulstufe abgeschafft werden, es muss endlich ein Schulsystem geschaffen werden, das ganz bewusst die in unserem System benachteiligten Kinder auffängt, ihnen schon im Kindergarten und erst recht in der Schule, von der ersten Klasse an die notwendige Förderung zukommen lässt. Die AK in Tirol, in ganz Österreich muss endlich das tun, für das die ArbeiterInnen sie 1920 gekämpft haben:
Neben den arbeitsrechtlichen Problemen, den Fragen zu KonsumentInnenschutz, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, Förderung der Aus- und Weiterbildung muss die Arbeiterkammer auch die politische Interessenvertretung der ArbeitnehmerInnen wahrnehmen. Sie hat mit ihrem Gesetzesinitiativrecht die Möglichkeit, mit aller Vehemenz endlich auf die gleichen Bildungschancen für alle Kinder zu pochen. Sie hat die Möglichkeit, ihre finanziellen Mittel zu nützen, um ihre Mitglieder über die Vorteile der Gesamt- und Ganztagsschule aufzuklären (mit kleinen Klassen, gut ausgebildeten LehrerInnen und Förderunterricht), über sprachlich fördernde Kindergärten, Kurz, sie muss endlich zu einer politisch kämpferischen Kraft werden im allgemeinen und auch im Bereich der Bildung.