POSITIONEN & THEMEN
Über die verteufelte Teilzeit wetterte Parlamentspräsidentin Barbara Prammer beim ÖGB-Bundesfrauenkongress. Dort wurde allgemein bejammert, dass die Einkommen der Frauen weit hinter jenen der Männer zurückbleiben. Mit einer Einkommensdifferenz von 25 Prozent liegt Österreich an vorletzter Stelle der 27 EU-Länder. Eine Schande für das angebliche soziale Musterland und ein Desaster für die Lohnpolitik des ÖGB.
Erinnern wir uns einige Jahre zurück: Da wurde von den Spitzen von ÖGB und SPÖ die Teilzeit geradezu als Patentrezept schlechthin dargestellt. Die seit über 20 Jahren zwar bei jedem ÖGB-Kongress neuerlich beschlossene 35-Stundenwoche war hingegen realpolitisch nie ein Thema, da gab man sich lieber ganz modern und setzte sozialpartnerschaftlich auf Flexibilisierung.
Die Krise hat das Scheitern auch dieser Strategie offensichtlich gemacht. Die Kluft zwischen den Lohnabhängigen wird immer größer. Da gibt es auf der einen Seite jene, die Überstunden Ende nie leisten (müssen). Mit statistisch 41,1 Wochenarbeitsstunden (Stand 2007) gehört Österreich zu den EU-weiten Spitzenreitern. Die jährlich 375 Millionen geleisteten Überstunden würden rein rechnerisch 190.000 Vollarbeitsplätze ergeben.
Auf der Kehrseite werden immer mehr Berufstätige, und das sind vor allem Frauen, in atypische Arbeitsverhältnisse abgedrängt. Die Prekarisierung schreitet rapid voran. Und das schlägt sich vor allem in den Einkommen nieder. Gerade Frauen kommen aus der Teilzeitfalle, in welche sie von Kapital und Gewerkschaft gelockt wurden, kaum mehr heraus. Ganz im Gegenteil, werden immer mehr Menschen in Teilzeit, Leiharbeit, Scheinselbständigkeit usw. abgedrängt.
Und es glaube kein Normalarbeiter, er wäre vor dieser Entwicklung gefeit, wie etwa das Beispiel voestalpine beweist: Vom Oktober 2008 bis Ende Mai 2009 wurden 3.500 Beschäftigte, zumeist als Leiharbeiter abgebaut und 10.000 Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt. Wie man aus dem Werk hört fahren aber die Hochöfen schon wieder fast auf Hochtouren. Offensichtlich sind Generaldirektor Eder und seine Vorstandsmannen draufgekommen, dass man mit Kurzarbeit wunderbar fährt. Das AMS zahlt zu, die Leistung wird hochgeschraubt, am Liebsten würde man im Interesse der Aktionäre das Modell wohl zur Dauereinrichtung machen.
In Wahrheit ist es höchste Zeit für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Der Stand der Produktivität würde längst die 30-Stundenwoche möglich machen. Natürlich bei vollem Lohnausgleich, denn sonst wäre es ja nichts anderes als Kurzarbeit. Zeit zum Umdenken bei der ÖGB-Spitze.