POSITIONEN & THEMEN

Von Manfred Bauer (19.11.2009)
Als das verfassungsrechtliche Verbot des Kreuzaufhängens in italienischen Schulen bekannt geworden war, riefen auch und gerade in Österreich fundamentalistische Verteidiger des Kruzifixes in Schulklassen wie etwa Andreas Khol zum Kreuzzug wider ein mögliches Verbot auf.
Die Reinkarnation des Neoliberalismus, die sich in Teilen Europas in der Wirtschafts- und Sozialpolitik wieder feststellen lässt, findet hierzulande u.a. ihre Analogie im ideologischen Überbau: Nach Ansicht der Kreuzritter der Gegenwart könne sich die demokratisch verfasste Öffentlichkeit auf die Prinzipien des christlichen Abendlandes berufen. Der St. Pöltener Hardliner, Bischof Klaus Küng, verstieg sich sogar zur Aussage, das Kreuz sei niemals ein Symbol für Intoleranz gewesen, vielmehr Ausdruck von Menschenrechten.
Bei dieser absurden Argumentation werden nicht allein die blutrünstigen Kreuzzüge des Mittelalters konsequent ausgeblendet oder etwa die neuzeitlichen Hexenverbrennungen, die Inquisitionsverbrechen oder die globalen und gewaltsamen Missionierungen der Jesuiten.
Der Kulturkampf der Kirche gegen Aufklärung und Fortschritt sowie gegen Demokratie und Menschenrechte dauert z.T. bis heute an. Noch 1953 versuchte Papst Pius XII, der zur Shoa beredt geschwiegen hatte, allem, was nicht der kirchlichen Wahrheit entsprach, das Recht auf Öffentlichkeit abzuerkennen. Bis in die Gegenwart mobilisiert die Kirche etwa gegen die Selbstbestimmung der Frau und neuerdings wieder gegen die gleichgeschlechtliche Partnerschaft.
Für viele Menschen stellt das Kreuz nicht nur in Schulklassen ein Symbol für die Ideologie der Gegenaufklärung dar. Mensch mag sich gar nicht ausmalen, wie die demokratische Verfasstheit der Öffentlichkeit heute beschaffen sein würde, hätten sich nicht die Instanzen der Aufklärung seit mehr als zwei Jahrhunderten gegen die Werte des christlichen Abendlandes in Stellung gebracht.