KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Zerrüttetes Vertrauen

Von Wolf Jurjans (16.10.2009)

Wie erwartet, stellt sich das Gerede von einer Entspannung am Arbeitsmarkt als leeres Geschwätz heraus. Die nächste große Welle an Personalabbau baut sich gerade auf.

Fast jedes Unternehmen fährt ein Sparprogramm, bedroht sind sowohl verdiente Führungskräfte wie einfache Arbeiter. Hunderttausende fürchten um ihren Job.

Der Abbau selbst stellt die Verantwortlichen vor die Frage: Wie kann der Rauswurf möglichst kostengünstig durchgeführt, wie können Schutzbestimmungen ausgehebelt werden?

Viele Vorgesetzte suchen einen Vorwand für eine schnelle und günstige Trennung. Die ebenso zweifelhafte wie naheliegende Lösung sind personen- oder verhaltensbedingte Kündigungen. Wer sich etwas zu schulden kommen lässt oder wegen Krankheit nicht mehr arbeiten kann, fliegt. Was Unternehmen eigentlich vor kriminellen Mitarbeitern schützen soll, wird in der Krise zum Vorwand für die billige und einfache Lösung des Arbeitsverhältnis­ses. Die Gefahr, wegen vermeintlicher Bagatellen den Job zu verlieren, steigt.

Momentan durchleuchten viele Arbeitgeber systematisch das Verhalten ihrer Angestellten auf der Suche nach einem Kündigungsgrund. Spesen, Verspätung, Arbeitsleistung, Heimarbeit, Krankheit und Temperamentsau­sbrüche. Alles kann als Ansatzpunkt zum Aushebeln dienen.

Wie grotesk manche Kündigungs-/Entlassungsgründe sind, die zum Verlust aller Rechte führen, zeigt ein Blick auf die spektakulärsten Fälle der letzten Jahre:

Wegen des Verzehrs zweier Semmelhälften und eines Hamburgers von einem Firmen-Büffet droht einer Chefsekretärin die fristlose Entlassung.

Wegen Diebstahls entließ eine Bäckerei-Kette zwei Mitarbeitern, die einen Brotaufstrich gestohlen haben sollen.

Wegen eines Fehlbetrags von 1,36 Euro in der Kasse wurde eine Bäckereiverkäuferin fristlos entlassen.

Eine Abfallentsorgun­gsfirma entließ einen Mitarbeiter fristlos, weil der Vater zweier Töchter ein Reisekinderbett aus dem Müll mit nach Hause genommen hatte.

Das Zerreißen von drei Briefen wurde einem Postboten zum Verhängnis.

Der unter ihrem Spitznamen „Emmely“ bundesweit bekannt gewordenen Supermarktkas­siererin Barbara E. wurde nach 31 Jahren fristlos entlassen, weil sie zwei Pfandmarken im Wert von 1,30 Euro unterschlagen haben soll.

Die Höhe des vermeintlichen oder tatsächlichen Schadens spielt dabei vor Gericht keine Rolle. Entscheidend ist, dass das Vertrauen der Firmenleitung in die MitarbeiterInnen unwiederherstellbar zerrüttet ist.

Würde diese Rechtsauffassung konsquent angewandt, müssten Richter weltweit und rund um die Uhr im Einsatz sein, um die Kriminellen der Finanzoligarchie abzuurteilen.

Sind sie aber nicht. Tatsächlich spielt zwar auch hier die Höhe des angerichteten Schadens keine Rolle, sie gehen allerdings mit allen Ansprüchen und mit millionenschweren Abfindungen.

Wer bisher in dieses System vertrauen hatte, sollte schleunigst damit beginnen, sein Vertrauen in dieses zu zerrütten.

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