POSITIONEN & THEMEN

Von Bärbel Mende-Danneberg (13.5.2010)
Jedes vierte Schulkind in Österreich braucht Nachhilfe. Inzwischen sind schon VolksschülerInnen auf Hilfe von PrivatlehrerInnen angewiesen, wie eine Umfrage der Arbeiterkammer zeigt. Das ergibt einen Markt von 140 Millionen Euro für Privat- und Nachhilfelehrer und Lerninstitute.
In der Ausstellung Kampf um die Stadt, die bis vor kurzem im Wiener Künstlerhaus zu sehen war, zeigte eine Koje zum Thema Kampf um Bildung und Gesamtschule die bislang vergeblichen Mühen um einheitliche Bildungsstandards. Otto Glöckl hatte bereits in den 20er Jahren diese Einbahnstraße bekämpft dass nämlich soziale Herkunft die Zukunft von Kindern bestimmt. Das ist asozial.
Fast ein Jahrhundert ist seitdem vergangen. Geändert hat sich an der Einbahnstraße kaum etwas. Noch immer bestimmt die soziale Herkunft den Bildungsweg und damit, wie sicher ein späterer Job und wie gut die Bezahlung oder wie wahrscheinlich ein späteres Armutsrisiko ist. Zwar ist das Bildungsniveau in den vergangenen 30 Jahren stark gestiegen, die Bildungsgerechtigkeit jedoch nicht. Der Bildungsstand wird weitgehend vererbt, meinte dazu der Fachstatistische Generaldirektor Konrad Pesendorfer, der kürzlich die Daten zum asozialen Zustandsbild des österreichischen Bildungssystems vorlegte.
Demnach haben rund 14 Prozent der Bevölkerung einen Uniabschluss oder Vergleichbares, 69 Prozent kamen bis zur AHS, berufsbildenden mittleren oder höheren Schule bzw. Lehre, und 17 Prozent verfügen höchstens über einen Pflichtschulabschluss. Aber: Trotz insgesamt höherer Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse hat sich das Verhältnisbild von Herkunft und Zukunft kaum verändert, ganz zu schweigen vom Verhältnisbild zwischen den Geschlechtern.
Kinder aus Akademiker-Familien genießen höhere Bildungsabschlüsse (43 Prozent der Sprösslinge eines Akademiker-Haushalts haben ebenfalls einen Hochschulabschluss), hingegen haben Kinder, deren Eltern höchstens einen Pflichtschulabschluss aufweisen, lediglich zu 10,3 Prozent eine tertiäre Ausbildung. Also: An die 90 Prozent folgen dem elterlichen Bildungsweg.
Auch geschlechtsspezifisch zeigt sich diese Kluft. Zwar überholten Frauen die Männer im Tertiärbereich (14 Prozent der Frauen gegenüber 13 Prozent der Männer), aber 22 Prozent der Frauen haben nicht mehr als einen Pflichtschulabschluss, bei den Männern beträgt dieser Anteil 12,5 Prozent. Und: 51 Prozent der Männer haben eine Lehre absolviert, aber nur 30 Prozent der Frauen.
Der Bildungs- und Ausbildungsgrad bestimmt das spätere Erwerbs- und Sozialleben. 2008 waren 8,2 Prozent jener Menschen, die höchstens einen Pflichtschulabschluss aufwiesen, arbeitslos, hingegen nur knapp zwei Prozent der HochschulabsolventInnen. Spätere Armut manifestiert sich schon bei der Schullaufbahn, also im Alter von zehn Jahren, wo die Trennung in Hauptschule und Gymnasium beginnt. Dass im Wissen um diese bildungspolitische Einbahnstraße lediglich eine Ganztagsschule nach Bedarf (Bildungsministerin Schmied spricht von jeder zweiten Schule) ins Auge gefasst wird, ist ein Armutszeugnis. Das Gezerre um die Ganztagsschule verdeckt hingegen den viel eklatanteren Mangel dass nämlich die getrennten Bildungswege von Kindern bereits nach der vierten Klasse Volksschule beginnt und sich später fortsetzt. Kindern reicher Eltern stehen zusätzlich Eliteschulen offen.