KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Kinderarmut und Frauendrangsal

Nicht selten entwickelt die Einkaufstour mehr Anziehungskraft als sich kreativ zu beschäftigen …

Von Rosmarie Thüminger (12.1.2010)

Gegen Ende 2009 präsentierte die Caritas Tirol Fakten und Daten zur heimischen Armut, wobei vor allem die Armut der Kinder in Brennpunkt stand: 20.000 Kinder sind von Armut bedroht, 5.000 Familien wurden in diesem Jahr von der Caritas finanziell unterstützt, und zwar nicht, wir früher, um einen Schulschikurs bezahlen zu können, sondern weil Geld für Essen, Miete oder Heizmaterial fehlt.

Kein Wunder, ist doch Tirol ein Bundesland, das besonders teuer ist, was Wohnung, Lebensmittel, Heizkosten anbelangt. Dazu kommt, dass die Löhne vielfach bedeutend niedriger sind, als z.B. in Wien und anderen Bundesländern.

Wenn es den Kindern schlecht geht, leiden ihre Mütter doppelt. Ihnen wurde von klein auf beigebracht, dass sie für ein gutes Leben ihrer Angehörigen und besonders ihrer Kinder verantwortlich sin­d.

Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein – der Werbespruch einer Drogeriekette kann stellvertretend für das Selbstverständnis unserer Gesellschaft gelten. Mensch ist – wer kauft, kauft, kauft. Frau kann noch so überzeugt davon sein, dass eine „namenlose“ Jean genauso gut wärmt oder kleidet, wie eine Markenjean, wenn ihr Kind zur Minderheit in der Klasse zählt, die letztere tragen, so wird es sich ausgegrenzt, arm und kümmerlich vorkommen, zumal selbst manche LehrerInnen sich vom Glanz des Reichtums geblendet zeigen. Vielleicht auch, weil Reichtum und Einfluss oft Synonyme sind. Sicher, vor dreißig Jahren hat es diesen Druck auch gegeben, doch heute ist er ungleich stärker, ist das Konsumieren doch zu einer Art Religion verkommen. Erwachsene können diesem Druck eher widerstehen, die meisten Kinder verfügen jedoch nicht über das nötige Selbstwertgefühl.

Das ist eines von vielen Problemen, die den armen Kindern aufgebürdet werden. Sie wirken sich negativ auf das weitere Leben aus. Finanzielle Sorgen in den Familien, knappes Budget, Fernsehen statt Bücher, immer die Kleider der Größeren auftragen müssen, das Gefühl der Ausgegrenztheit hinterlassen Spuren.

Eine noch gravierendere Auswirkung, die das gesamte weitere Leben dieser Kinder negativ beeinflusst, liegt in der Tatsache, dass die allermeisten Kinder aus finanziell und bildungsmäßig benachteiligten Familien, miserable Bildungschancen haben. Das hängt an den schwierigen Bedingungen an den Unis, an Studienbeiträgen und den hohen Lebenshaltungskos­ten für StudentInnen. Schwerer noch, als diese Defizite wirkt sich das derzeitige Schulsystem, das die Kinder bereits mit zehn Jahren selektiert in SchülerInnen, die später studieren und eine akademische Ausbildung erhalten sollen und andere, die der Hauptschule zugewiesen werden, aus. Wobei in allen Schultypen stillschweigend, manchesmal aber auch ganz offen, davon ausgegangen wird, dass die Kinder entweder Nachhilfe bekommen (eine solche können sich alleinerziehende Mütter nicht leisten), oder die Eltern selbst über eine gute Schulbildung verfügen. Dadurch erstens die Wichtigkeit von Wissen erkennen, und zweitens die Kinder selbst unterstützen und mit ihnen lernen können. Die alte Weisheit der alten ArbeiterInnen­bewegung „Wissen ist Macht“ ist durch Fernsehen, Konsumterror und Unterhaltungsin­dustrie verschütt gegangen.

Wem wird die Schuld an dieser Misere angelastet? Den Müttern. Sie werden, auch von vielen sogenannten Qualitätsmedien, verantwortlich gemacht für Magersucht, Esssucht, Übergewicht, Angststörungen, Schulversagen, Schulabbrechen und so fort.

Die Mütter (selbstverständlich auch viele Väter, selbst wenn diese weder von der Gesellschaft noch von der Schule zur Rechenschaft gezogen werden) wünschen, dass es ihren Kindern gut geht.

Durch ihre Lebensumstände müssen sie mehr oder weniger ohnmächtig zuschauen, wie ihre Kinder benachteiligt werden, wie sie in den höheren Schulen von den MitschülerInnen Ausgrenzung erfahren, in den Hauptschulen von überarbeiteten, gestressten und frustrierten LehrerInnen zuwenig Unterstützung bekommen, so dass sich auch die Chancen auf einen Lehrplatz verringern und ihnen dadurch ein Entkommen aus der Armutsfalle unmöglich gemacht wird.

Es ist bitter, zu sehen, wie den Banken und ihren Managern unvorstellbar hohe Summen in den Rachen geworfen werden, wie viel Geld in Prestigebauten und Events (einmal ganz abgesehen von den Abfangjägern, die mit ihrem Lärm und Abgasen viele InnsbruckerInnen zur Weißglut treiben) verschleudert wird, während ihren Kindern die Chance auf ein erfülltes Leben, wozu eben auch Bildung, Kultur, ein erfüllender Beruf gehören, verwehrt wird.

Wer mit Arbeit überhäuft ums tägliche Überleben kämpfen muss, hat oft einfach nicht mehr die Kraft, Lebensentwürfe zu entwickeln und sich zu wehren.

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