KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Moderne – Globalisierung – Linke

Von Roland Steixner (17.5.2010)

Seit der Finanzmarktkrise 2008 war des Öfteren die Rede davon, dass sich kaum je zuvor die Vorhersagen von Marx sosehr bestätigen würden als jetzt. Seit dem Fall der Mauer 1989 und dem Zusammenbruch des Realsozialismus scheint die Welt den Vorhersagen Marxens immer näher gerückt zu sein. Beinahe prophetisch erscheinen einzelne Passagen des Kommunistischen Manifests: „Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion.“ (MEW 4.467f.)

Marx und Engels sahen im Aufstieg des Bürgertums und in der Globalisierung des Kapitals die Grundlage für die Entstehung des künftigen Sozialismus. Dem Feudalsystem weinten sie keine Träne nach und das kapitalistische System war dem Feudalsystem eindeutig vorzuziehen. Daher ist die Beschreibung dieser Globalisierung des Kapitals damals noch sehr positiv ausgefallen. Der Kapitalismus wird auch insofern „gelobt“, als dass das Ausbeutungsver­hältnis offen zu Tage tritt und nicht wie in den Feudalgesellschaf­ten und im Absolutismus religiös und politisch verbrämt wird: „Sie [die Bourgeoisie] hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“(MEW 4­.465)

Würden wir diesen Ausführungen folgen, dann bräuchte die Linke nur warten bis die Mission des Kapitals sich erfüllt hat und die Grundlage für die Entstehung des Sozialismus vorhanden wäre. Also alles in Butter? Richtet sich der Kapitalismus selbst zu Grunde und können wir solange nur die Globalisierung des Kapitalmarktes begrüßen? Dass der Imperialismus unsere Arbeit tue, wie Marx und Engels es Bismarck in anderem Zusammenhang wiederholt bescheinigten?

Vorher stark geprägt von der Vorstellung, dass die Kolonialisierung in den Kolonien die Industrialisierung und Entwicklung vorantreibe, werden Marx und Engels später skeptischer, was die eigenständige Entwicklung dieser Nationen angeht, und legen so auch die Basis für die antiimperialis­tischen Positionen der überwiegenden Mehrheit der Linken.

Was Marx allerdings gegen Ende seines Lebens aufgrund von der Vorlage des Materials von Morgan und aufgrund seines Studiums der russischen Dorfgemeinde (Mir) äußerte, ist auch heute noch interessant. Marx streift hier die eurozentristische Brille, mit der er selbst über Jahrzehnte die politische Situation analysiert hatte, völlig ab, relativiert sein Stufenmodell (Urgesellschaft > Sklavenhalter­gesellschaft > Feudalismus > Kapitalismus > Kommunismus), indem er die Notwendigkeit dieser Entwicklung ausdrücklich räumlich (auf Westeuropa) und modal (innerhalb der Privateigentums) einschränkt, und skizziert die Möglichkeit, dass diese Dorfgemeinden Basis sein könnten für eine künftige sozialistische Entwicklung Russlands.

Im ersten Entwurf des Briefes an Vera Sassulitsch wird Marx diesbezüglich sogar überaus deutlich: „Mit einem Wort, sie [die russische Dorfgemeinde] findet den Kapitalismus in einer Krise, die erst mit seiner Abschaffung, mit der Rückkehr der modernen Gesellschaften zum „archaischen“ Typus des Gemeineigentums enden wird, oder, wie ein amerikanischer Autor [L. H. Morgan], der keineswegs revolutionärer Tendenzen verdächtig ist und in seinen Arbeiten durch die Regierung in Washington unterstützt wird, es sagt – das neue System, zu dem die moderne Gesellschaft tendiert, „wird eine Wiedergeburt (a revival) des archaischen Gesellschaftstypus in einer höheren Form (in a superior form) sein“. Man darf sich nur nicht allzusehr von dem Wort „archaisch“ erschrecken lassen.“ (MEW 19.386)

Marx äußert die Vorstellung, dass der Kommunismus die Wiederherstellung der ursprünglichen Gesellschaftsform sei – ein Gedanke, der in der marxistischen Linken selten ausgesprochen wird.

Was heißt diese Beschäftigung mit „ollen Kamellen“ für die Linke heute? Dass manche „Marxschen Dogmen“ keine sind. Dass sie nur Erklärungsmodelle sind, die Marx selbst nicht einmal als allgemeingültig verstanden wissen wollte. Der Kommunismus muss ad fontes („zu den Quellen“) gehen, um eine solide Basis für die Entwicklung eines alternativen Gesellschaftssys­tems zu finden. Marx hat sich nicht umsonst eingehend mit den Forschungsergeb­nissen der Ethnologie beschäftigt, sondern weil anhand von indigenen Völkern auf der ganzen Welt ersichtlich ist, wie das Zusammenleben anders geordnet werden könnte, wie Unterdrückungsmecha­nismen ausgeschaltet werden könnten etc.. Wir müssen jedoch erst sehen, inwiefern diese Systeme auf die heutige Gesellschaft übertragbar, bzw. in dieser umsetzbar sind. Ja, der Kommunismus wäre dann das „best of“ der Gesellschaftsformen der indigenen Völker zusammen mit den Vorteilen der Errungenschaften der Moderne – ein spannender Gedanke und ein beeindruckender Spagat.

Die Begrüßung des industriellen Fortschritts durch die Linke darf verhalten ausfallen. Er hält oft nicht, was er verspricht. Einerseits sind die zunehmende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und die Verschmutzung der Umwelt mit Giftstoffen und Atommüll Konsequenzen des technischen Fortschritts, wie wir ihn heute kennen, andererseits geht dieser Fortschritt bislang auch immer mit der Forschung im Sinne der Rüstungsindustrie und dem Bestreben, neue Märkte zu erobern einher.

Übrigens: Am 8. und 9. Mai wurde der 65. Jahrestag der Befreiung Österreichs in Klagenfurt und Mauthausen gefeiert. Hitler hat der ganzen Welt vorgeführt, wie die industrielle Vernichtung von Menschen in der Moderne geschieht – in einem Ausmaß und in einer schauderhaften Rationalität, wie sie erst durch die Industrialisierung möglich wurde.

Ein kritischer Blick auf die Moderne, ohne dabei die Vergangenheit zu verklären, zusammen mit der Vision einer alternativen Gesellschaftsor­dnung, die einerseits die Errungenschaften der Moderne und andererseits die egalitären Strukturen indigener Gesellschaften miteinbezieht, ist der Spagat den eine zeitgemäße, undogmatische Linke vollziehen muss.

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