POSITIONEN & THEMEN

Von Claudia Krieglsteiner (22.3.2010)
Heutzutage gibt es zwar ungeheure Fortschritte in der Pädagogik, die sich nicht zuletzt in einer unüberschaubaren Flut von Ratgeberliteratur widerspiegeln, mit dem Reden happerts aber zunehmend.
Insgesamt mehr als 60.000 Kinder besuchen in Wien Pflichtschulen und davon, das stellte Irene Bauer, die Leiterin der Wiener Sprachheilschulen in diesen Tagen öffentlich fest, sind über 11.000 sprachauffällig. Das sind fast zwanzig Prozent der Kinder, die aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten haben, zu sprechen! Damit ist aber keineswegs die leidige Diskussion über die angeblichen und/oder tatsächlichen Probleme von Schulkindern mit der deutschen Sprache gemeint, in der selten festgehalten wird, dass nicht alle Kinder mit irgendeiner Form von Migrationshintergrund nicht deutsch können und außerdem ein sturer Unterricht in ausschließlich deutscher Sprache die Probleme, die es wirklich gibt, sicherlich nicht löst.
Nein, gemeint ist, dass knapp 20 Prozent der Kinder gar nicht (verständlich) sprechen können, ganz unabhängig davon, um welche Muttersprache es geht. Dazu kommt, dass in den Wiener Pflichtschulen aber nur mehr ein Drittel der SchülerInnen bei denen Bedarf dazu festegestellt wird auch spezielle Unterstützung bekommen können, weil ausgebildete SprachheilpädagogInnen als normale KlassenlehrerInnen eingesetzt werden.
Diese Zahlen gelten übrigens mit relativ geringen Abweichungen auch für andere europäische Länder. So ergab eine Studie 2009 in England, dass jedes sechste Kind nicht (ausreichend) sprechen konnte.
Diese Entwicklung wird mit Prozessen der Desozialisierung der Gesellschaften in Verbindung gebracht. Diese reicht von der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, über Einsparungen im Bildungs- und Erziehungsbereich bis zu (erwerbs)arbeitsbedingten Auflösungstendenzen in den familiären Strukturen und der extremen Individualisierung der Lebensweise. Um sprechen zu lernen brauchen Kinder innerhalb und außerhalb familiärer Beziehungen einen geduldigen und auf sie konzentrierten Umgang mit Erwachsenen. Das wird aber sozusagen nicht mehr angeboten zumindest für ein knappes Viertel des Nachwuchses. Wenn man aber bedenkt, welche Rolle Sprache beim Erlernen von Denken, beim Begreifen von Zusammenhängen, beim Ausdrücken von Bedürfnissen, beim Austragen von Differenzen, ja fürs Menschsein überhaupt hat, dann ist einem an der unbegreiflichen Gewalt unter und von Jugendlichen eigentlich nur mehr das Gerede darüber unbegreiflich.