POSITIONEN & THEMEN

Von Roland Steixner (3.1.2011)
Kardinal Schönborn äußerte sich Ende Dezember gegenüber der Tiroler Tageszeitung über die jüngste Kirchenaustrittswelle recht deutlich: Wir hatten seit der Nazizeit nicht mehr so eine Kirchenaustrittswelle. Ich rechne im Jahr 2010 mit bis zu 80.000 Kirchenaustritten.
Sein Vergleich mit der Nazizeit ruft berechtigte Empörung hervor. Nicht nur, dass damit unausgesprochen bleibt, in welcher Weise die römisch-katholische Kirche von der NS-Gesetzgebung profitiert hat, worauf die Plattform Betroffene kirchlicher Gewalt in einer Pressemitteilung hingewiesen hat, sondern auch noch, dass damit ein weiteres Mal verschleiert wird, in welcher Weise die Kirche nicht Opfer des NS-Regimes war, sondern Mittäterin.
Dass sich die katholische Kirche gerne als Opfer des Nationalsozialismus darstellt, ist sattsam bekannt. Tatsächlich haben viele Geistliche und tiefgläubige Menschen Widerstand gegen die NS-Herrschaft geleistet haben und ihr Leben aufs Spiel gesetzt um Verfolgte des NS-Regimes zu schützen, zu verstecken oder ihnen die Flucht zu ermöglichen. Doch der hohe Klerus hat kein Recht, sich damit zu rühmen. Schließlich haben auch die österreichischen Weihbischöfe nach der Annexion Österreichs an das Nationalsozialistische Deutschland Hitler ihre bedingungslose Loyalität zugesichert. Wenn also tatsächlich Nationalsozialismus und Kirche nicht miteinander vereinbar waren, schwieg dann die Kirche, um sich den Zugang zu den Pfründen nicht zu vermiesen? Es mag schon sein, dass zwischen dem NS-Regime und dem Klerus Differenzen bestanden, doch diese bestanden nicht darin, dass sich die Kleriker in allzu viel Mitleid mit den Opfern des Nationalsozialismus hervorgetan hätten. Und war nicht etwa der katholische Klerus in Kroatien am Ustascha-Regime auf allen Ebenen beteiligt? Hat die katholische Kirche hier etwa Widerstand gegen die brutale Ermordung von Serben, Juden und Roma geleistet?
Schönborn entblödet sich nicht, auch noch aus dem Johannesevangelium zu zitieren: Die Wahrheit wird euch frei machen. Warum fängt die Kirche nicht damit an, die Wahrheit zu sagen? Warum vertuscht sie noch immer ihre Rolle, die sie bei der Machtergreifung aller faschistischen Regime in Europa gespielt hat, und stellt sich als Opfer hin?
Sollte es Jesus tatsächlich gegeben haben, dann hätte er sich nicht schlecht gewundert über das, was seine Epigonen aus seinen Lehren gemacht haben. Und würde er heute auf Erden wandeln, so wäre er mit Sicherheit nicht Kirchenmitglied sondern deren größter Gegner. Womöglich wäre er Kommunist.
Die Äußerungen Schönborns haben wieder einmal gezeigt, dass die Kirche an Bedeutung verliert, weil sie ihr eigenes Handeln nicht reflektiert und sich nicht grundlegend ändert. Das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Die Kirchenaustritte sind Zeichen dafür, dass sich Menschen nicht alles gefallen lassen und den Kakao, durch den sie gezogen werden, nicht auch noch trinken.