POSITIONEN & THEMEN
Taub, stumm und blind oder unserer Sinne mächtig aufbegehren? Wir können wählen.Von Bärbel Danneberg (9.7.2011)
Die Hierarchisierung der im öffentlichen Raum agierenden Menschen gibt nicht ohne Grund den Pkw-FahrerInnen den Vorzug als brave Melkkühe der Benzin- und Dieselzapfsäulen. Das freut Shell & Co. und den Staat wegen der horrenden Preisentwicklung am Ölmarkt und der Steuereinnahmen. Dem zuvor kommen noch die Lkws, die den AutofahrerInnen die Überholsicht nehmen und die tonnenweise vergammelte Lebensmittel wie heißt doch schnell der neue Virus? mit Schnell-schnell-Food im Auftrag der großen Konzerne auf den von SteuerzahlerInnen finanzierten öffentlichen Verkehrswegen quer durch die Länder karren. Die Asphaltbänder ersticken Natur, der CO2-Ausstoß nimmt das Atmen. Und hoch darüber schweben die kerosingefüllten Billigflieger im Sekundentakt in entfernteste Regionen, um die Wohlstandsmassen eines Abenteuer-Urlaubs all die armen Menschen bestaunen zu lassen, die auf unseren Müllhalden leben müssen, oder die frustrierte Menschen in jene fernöstlichen Gebiete zu bugsieren, von denen die Bumsbomber das glückliche Erleben versprechen, das daheim zum Alptraum wurde.
Hierarchie im öffentlichen Raum spiegelt die Macht von Oben und Unten, Besitz und Armut Flugzeug, LKWs, Autos, Radfahrer, FußgeherInnen, RollstuhlfahrerInnen, ganz unten kommen die Kinder, die im städtischen Raum noch nicht einmal wissen, wie eine lebendige Kuh ausschaut, das kennen sie nur von Wikipedia. Und wo sind die BettlerInnen? Da schauen wir weg, vor denen wird unser Auge durch neue Bettelverbote geschützt.
Was ist mit der öffentlichen Infrastruktur, die, von uns finanziert, den öffentlichen Raum für alle zugänglich machen sollte? Die wird privatisiert und verklopft zur Budgetsanierung, das Gemeingut ist nicht gewinnbringend, also weg damit mit Cross-border-Leasing oder Verkauf an private Geldgeber. Die Resultate kennen wir aus Großbritannien, als die Bahnstrecken privatisiert wurden und die Geleise nicht mehr gewartet werden konnten. Auf der Strecke bleiben Tote.
Der öffentliche Raum macht direkte Handlungsmöglichkeit sichtbar: Ich kann dem blöden Autofahrer einen Vogel zeigen, dem Radfahrer hinterher schimpfen, den Fußgeher einen Idioten schimpfen, den Rollstuhlfahrer ignorieren und den Blinden an der Ampel kopfschüttelnd fragen, ob der denn keine Augen im Kopf habe. Kinder frage ich vorsichtshalber gar nicht, die haben ohnehin nichts zu melden. Und da oben, den Fliegern in ferne Welten, schauen wir mit sehnsüchtigen Blicken nach, und bei den LKWs fallen uns all die schönen Roadmovies ein. Endstation Sehnsucht.
Wenn ich im öffentlichen Raum beschallt, bedrängt, begafft, bestohlen und belagert werde von unannehbaren Verhältnissen, etwa dem Konsumterror, dann kann ich mich wehren. Vogel zeigen, schimpfen, verweigern. Oder für bessere Radwege kämpfen. Ich kann aber auch einem Blinden über die Straße helfen. Effektiver wäre, uns nicht blind zu machen gegen gesellschaftliche Machtstrukturen.