KOMMUNISTISCHE PARTEI ÖSTERREICHS

Geschwätzige Kakophonie

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Bernhard

Von Manfred Bauer (14.2.2011)

Wie beschädigt man einen Künstler am nachhaltigsten? Indem man ihn zum Nationalhelden stilisiert. Die nationale Heroisierung als finale Demolierung. An Thomas Bernhard, der dieser Tage 80 Jahre alt geworden wäre, wurde diese finale Rufschädigung nur 22 Jahre nach seinem Tod vollendet.

Vollendet von jenen, die noch anlässlich der Premiere von „Heldenplatz“ ihren Mist über ihn ergossen. Dabei erreicht ihre Wendigkeit und Elastizität geradezu parteipolitische Ausmaße: Was kümmert sie ihr Geschwätz von gestern; was zählt, ist ihr Geschwätz von heute. So genannte Qualitätsblätter, deren Qualität einzig darin besteht, Oberflächlichkeiten so auszuleuchten, dass sie wie Tiefen erscheinen, produzieren en masse ihre gleichermaßen verlogenen wie vertrottelten Elogen.

Der Journalismus, stellte Karl Kraus fest, sei keiner Katastrophe gewachsen, weil er jeder verwandt sei. Und Thomas Bernhards 80. Geburtstag ist die literarische Jahrhundertka­tastrophe des österreichischen Journalismus.

Sie bricht etwa über Bettina Steiner im Feuilleton der Zeitung „Die Presse“ herein: Infam wie seinerzeit Hans Haider, der in der selben Zeitung Bernhard anlässlich der Veröffentlichung von „Holzfällen“ schmähte und denunzierte, denunziert Steiner heute Bernhard als „PR-Genie“, der alle an der Nase herumgeführt habe. Die Verunglimpfung des künstlerischen Genius zum PR-Genie in Zeiten von Meischberger und Hochegger könnte nicht infamer sein. Steiner hat ihre eigene Nase also in eine Angelegenheit gesteckt, von der sie zwar keine Ahnung, über die sie jedoch jede Menge Geschwätz vorrätig hat.

Oder Robert Schindel im Club 2: Wenn er dort über Bernhards Heldenplatz als „müdes Stück“ schwadroniert, so verrät dies mehr über seinen eigenen politischen Tiefschlaf, in den er seit der Veröffentlichung seines Romanerfolgs „Gebürtig“ gefallen zu sein scheint, als über Bernhard selbst. Und wenn der zum Ordinarius für Sprachkunst geadelte Lyriker und Romancier doziert, Bernhards radikale politische Kritik der österreichischen Gesellschaft sei ja doch nichts anderes als die Austherapierung von Bernhards eigener klerikal-faschistischer Spießbürgerei, gelingt ihm geradezu ein Meisterstück zeitgenössischer Diffamierungskunst: Er hängt dem Autor genau das um, was dieser in der bourgeoisen Gesellschaft an Erbärmlichkeit entdeckt hat. Damit steht auch dem nationalen Schulterschluss nichts mehr im Wege, schließlich hat der Autor nicht ins nationale, sondern ins eigene Nest gekackt.

Fehlt nur noch Claus Peymann, der ebenso omnipräsente wie allmächtige Bernhard-Erklärer. In „Kultur am Montag“ stellt er als sein eigener Denkmalschützer fest, was alle über Bernhard festzustellen haben. Peymanns Bernhard-Kanon erhält wortgewaltig den Status eines Monopols. Wer am Monopol rüttelt, wird von Peymann entweder als „Kleinkrämer“ oder als „Zwerg“ diffamiert. Etwa der Philosoph Franz Schuh. Und plötzlich weiß man nicht mehr, welcher Ärger überwiegt: Jener über Peymanns auktorialen wie autoritären Gestus oder der Ärger, den „Zwerg“ Franz Schuh verteidigen zu müssen, der sich schon vor Jahren nicht entblödete, Bernhard in die Nähe des Faschismus zu rücken.

Und so gelingt am Ende das, was von Anfang an bezweckt war: Die Einbindung von Thomas Bernhard in den nationalen ideologischen Kanon durch seine Inszenierung als Idol, so, als habe er gerade einen literarischen Super-G gewonnen. Dabei wird Bernhard vom Markt noch posthum bis auf das letzte Mehrwertströpfchen ausgebeutet, es wird mit Worten und Werken geschachert, dass es eine kapitale Freude ist. An seinem Geburtstag zirkuliert er schließlich mehr denn je als Ware auf einem publizistischen Gräberfeld, das internationaler Buch- und Zeitungsmarkt genannt wird

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