POSITIONEN & THEMEN
Die USA bedrohen den Weltfrieden mit ihrer Politik des First Strike, die jetzt auf einen Krieg gegen den Irak zielt und mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen verbunden sein könnte. In allen Szenarien kommen weder die Zivilbevölkerung noch die Umwelt des Irak als Zielobjekte vor. Doch Parallelen zur Operation “Desert Storm” von 1991 zeichnen sich ab. Eine militärische Konfrontation könnte erneut zu einem Umweltkrieg gegen die Zivilbevölkerung führen. Von Knut Krusewitz - publiziert in der Volksstimme, Nr. 41/2001.
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In der Schlussphase der Operation “Wüstensturm” zerstörte die US-Luftwaffe im Februar 1991 etwa 700 zivile Ziele im Irak, um einen Wiederaufbau des Landes für den sich die Sanktionen bereits abzeichneten zu erschweren. Betroffen waren Produktionsanlagen für Zivilgüter, urbane und ländliche Infrastruktur sowie Trinkwasserreservoire für Wohn- und Agrargebiete.
Vizepräsident Richard Cheney, heute einer der Falken innerhalb der Bush-Regierung, kündigte seinerzeit noch als Verteidigungsminister an: “Wenn ich dies noch mal tun müsste, würde ich es erneut genauso tun.” Er ließ offen, was konkret gemeint war. Die Folgen des Umweltkrieges jedenfalls, den er 1991 befürwortete, spielen die USA bis heute herunter. Informationen darüber hält das Pentagon unter Verschluss. Um so wichtiger ist es, die ökologischen und humanitären Begleiterscheinungen der alliierten Operationen in Erinnerung zu rufen, über die gesicherte Erkenntnisse bestehen, um eine realistische Vorstellung von dem zu geben, was im Falle eines erneuten Angriffs auf die irakische Zivilbevölkerung zukäme.
Die USA hatten als Führungsmacht von “Desert Storm” mit Billigung ihrer NATO-Verbündeten a priori auch auf “Ökologische Kriegsführung” gesetzt, um die Zerstörungskraft konventioneller Waffen zu potenzieren. 1991 folgte die Golfkriegsallianz mit Air-Land-Battle (ALB) einer Militärdoktrin der US-Streitkräfte, die von der Vorstellung eines “integrierten Gefechtsfeldes” ausging, auf dem konventionell-elektronische, chemische und atomare Waffen so eingesetzt werden, dass “integrierte Wirkungen” entstehen. Aus ökologischer und humanitärer Sicht eine klar völkerrechtswidrige Methode der Kriegsführung.
Wasser und Öl als Waffen
Einen Monat vor Beginn des Golfkrieges drängte die US-Regierung den Partner Türkei als Nachbarstaat des Irak, an einem begrenzten Umweltkrieg gegen Saddam Hussein teilzunehmen. Mit Hilfe des türkischen Staudammsystems sollten die Oberläufe der Flüsse Tigris und Euphrat aufgestaut werden, um den Abfluss in das Zweistromland Irak erheblich zu reduzieren. US-Experten schätzten damals, der Irak werde ein solches Wasser-Embargo kaum länger als drei Monate aushalten. Ein Verstoß gegen Völkerrechtsnormen, die eine Störung des ökologischen Gleichgewichts einer Region aus militärischen Gründen untersagen und entsprechende Handlungen seit 1978 als Kriegsverbrechen einstufen.
Ankara wies zwar das Ansinnen der USA offiziell zurück, dennoch verringerte sich Anfang 1991 das Dargebot des Euphrats um 40 Prozent. Diese faktische Halbierung der Wassermenge erhöhte die Konzentration toxischer Stoffe im Fluss, die infolge der Kampfhandlungen auftraten. Zugleich verringerte sich die Abflussgeschwindigkeit der Schadstoffe ein virulenter Seuchenherd. Da auch die irakische Landwirtschaft auf das Euphratwasser angewiesen ist, beeinträchtigte der erhöhte Schadstoff-Anfall die Agrarproduktion erheblich.
Am 23. September 1990 vier Monate vor Kriegsbeginn hatte Saddam Hussein seinerseits angekündigt, wie er selbst einen Krieg gegen die Umwelt zu führen gedenke. Er werde bei einem Angriff gegen sein Land “den Himmel auf Dauer verdunkeln lassen”, hieß es. Der apokalyptischen Prophezeiung lag die Absicht zugrunde, gegebenenfalls eine Öko-Waffe einzusetzen, die bis dahin als der Auslöser eines Worst-Case-Szenarios in der Golfregion galt: Irakische Ingenieure sollten die Ölfelder Kuwaits in Brand setzten und sie taten es. Im Februar 1991 brannten 550 der rund 1.200 kuwaitischen Ölquellen, ein Inferno und eine beispiellose Störung der ökologischen Balance.
Der durch die Brände bewirkte Russ-Fallout schlug sich mit einem Gemisch aus Schwefeldioxid, Stickoxiden, Salpetersäure, toxischen und krebserzeugenden Kohlenwasserstoffen, Schwermetallen sowie ultragiftigen Dioxinen (schwarzer Regen) monatelang in Wohngebieten und Küstengewässern nieder. Das Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie sprach von einer Fallout-Konzentration von 500 Milligramm pro Quadratmeter über zwölf Monate hinweg. Im Umkreis von 350 Kilometern um Kuwait verfärbte sich der Wüstensand gräulich, die Bäume verloren ihre Blätter, wertvolle Seegrasfelder wurden zerstört. Etwa 300 Millionen Liter Öl verseuchten der Strömung folgend den Golf und gefährdeten das Trinkwasser von Anrainerstaaten wie Kuwait und Saudi-Arabien, die ihren Trinkwasserhaushalt zu mehr als 95 Prozent durch Meerwasser-Entsalzungsanlagen bestritten. Das maritime Ökosystem des Golfs Fischbestände, Algen- und Bakterienflora wurde nachhaltig geschädigt. In den großflächigen Wattablagerungen am Golf kann sich Öl jahrzehntelang halten und immer wieder austreten. Temperaturen sanken um bis zu zehn Grad, so dass sich der hydrologische Zyklus veränderte und die Windstärken zunahmen. Die vermehrt auftretenden Sandstürme führten zu einer verstärkten Bewegung von Wanderdünen, die ganze Oasen unter sich begruben.
So verschwanden bis dahin vorhandene Biotope, war die ökologische Substanz einer Großregion ernsthaft gestört, weil nicht nur menschliche Lebensräume, sondern auch deren natürliche and wirtschaftliche Hilfsquellen dauerhaft geschädigt blieben.
Raketen und Uranmunition
Während der Operation “Desert Storm” warfen die Alliierten 88.500 Tonnen Bomben auf Ziele im Irak ab, ein Teil davon auf Anlagen, die gefährliche Stoffe enthielten. Nach ihrer Zerstörung lösten sie beträchtliche Umwelt- und Gesundheitsschäden aus. Bei den zivilen Zielen handelte es sich um Zentren für die Produktion und Raffinierung von ÖI, um Verladeterminals, Pipelines, Staudämme, Düngemittelfabriken und chemische Fabriken. Dazu kamen die militärischen Destruktionspotenziale des Irak, die gefährliche Stoffe enthielten. Nach eigenen Angaben wollen die Alliierten insgesamt drei nukleare, 18 chemische und 10 biologische Anlagen (samt Hunderten von Bunkern) sowie mehrere Munitionsfabriken vernichtet haben.
Diese Objekte lagen fast alle an Tigris und Euphrat, zudem meist in der Nähe von bewohnten Gebieten, betroffen waren Orte wie al Fallujah, al Hillah, al Qualm, Baiji, Basra, Isis, Karbala, Mosul, Musayyib, Salman Pak and Sammara. Am 4. Februar meldete der Pressedienst der französischen Streitkrafte, im gesamten Irak sei “chemischer Fallout” (heftiger Niederschlag) eingetreten. Abhängig von den meteorologischen Bedingungen dauerte die vollständige Zersetzung der in die Atmosphäre ausgetretenen Kampfstoffe Tabun, Sarin und Senfgas teils Monate, weil sie sich erst bei höheren Temperaturen vollständig zersetzten.
Zur Strategie des Luftkrieges gehörte ebenfalls die Zerstörung ziviler Versorgungsanlagen von Wasserwerken, Pumpstationen, Staubecken, Elektrizitätswerken, Kläranlagen. In allen größeren Städten über 60 Prozent der 19 Millionen IrakerInnen lebten dort brach im Januar 1991 die Wasser- und Stromversorgung nach nur wenigen Kriegstagen zusammen. Danach verfügte die Bevölkerung nach WHO-Angaben nur noch über fünf Prozent der üblichen Wassermenge. Die Bevölkerung der Hauptstadt Bagdad holte sich ihr Trinkwasser deshalb aus dem Tigris mit der Folge, dass Cholera and Typhus auftraten.
Noch verheerender war der Einsatz von Urangeschossen. Wenngleich sich die Frage nach dem Umfang einer Kontamination noch immer nicht hinreichend beantworten lässt, so ist doch inzwischen einiges bekannt. Zunächst: Die US-Nuclear Regulatory Commission (NRC) definiert Uranmunition (depleted uranium: DU) als Uran, in dem der Prozentanteil des Isotop-Gewichts von U235 weniger als 0,711 Prozent beträgt. Wie natürliches Uran ist DU ein unstabiles, radioaktives Schwermetall, das Alpha-, Beta- und Gammastrahlung emittiert. Wegen der Halbwertzerfallszeit (4,5 Milliarden Jahre) sind Betroffene ihr gesamtes Leben gleichbleibender Radioaktivität ausgesetzt.
Angaben über das Quantum an DU-Munition, das von den Streitkräften der USA und Großbritanniens eingesetzt wurde, schwanken zwischen 400 und 900 Tonnen. Bereits kurz nach Kriegsende gab es Hinweise auf verheerende gesundheitliche Nöte. Nach einer Studie der Britischen Atomenergie-Behörde (AEA) können 40.000 Tonnen DU-Munition bis zu 500.000 Menschen verstrahlen das heißt, die Zahl der im Irak Geschädigten läge bei etwa 10.000, die alliierten Soldaten wären dabei noch nicht einmal berücksichtigt.
Das US-Energieministerium vermeldete jüngst, DU-Munition könne die Transurane Plutonium, Americum und Neptunium sowie “fission products” (technetium-99) enthalten. Tatsächlich wiesen UN-Analysen nach dem Jugoslawien-Krieg (1999) in dort von US-Streitkräften verwendeter DU-Munition Spuren von Plutonium-239/240 nach. Derartige Munition dürfte von Air Force, Army, Marines und Navy auch im Golfkrieg eingesetzt worden sein. Man muss dazu wissen, dass Plutonium aus toxikologischer Sicht unter den radioaktiven Elementen eine besondere Rolle spielt, da es eine extrem lange Halbwertzerfallszeit hat und aufgrund seiner ausgeprägten Strahlung als kanzerogen eingestuft wird. Schon sehr kleine Mengen in Lunge and Leber können durchaus von strahlentoxikologischer Relevanz sein.
Das US-Oberkommando konnte sich nach Kriegsende nicht darauf berufen, keine Kenntnis über die exzessive Wucht seines Militärpotenzials gehabt zu haben. Diejenigen, die den Luftkrieg planten, urteilte Ex-Justizminister Ramsey Clark 1996, wollten weitaus größere Schäden verursachen, als ihn Bomben bewirken konnten, sie wollten ein Überleben des Irak als Industriegesellschaft auf längere Zeit verhindern.
Krieg und Zivilgesellschaft
Während des Golfkrieges haben beide kriegführenden Parteien gegen einschlägige Normen des Kriegsvölkerrechts verstoßen. Sie haben derart weiträumige, lang anhaltende und schwer wiegende Umweltschäden verursacht, dass bis heute fraglich ist, ob der ökologische Status quo ante in der Golfregion jemals wieder hergestellt werden kann. Mit ihren Entscheidungen zu einer solchen Form des Krieges erklärten die Kriegsparteien die natürliche und soziale Umwelt der Staaten Irak und Kuwait zum Schlachtfeld, wodurch sie den Unterschied zwischen Militär und Zivilgesellschaft aufgehoben haben. Auch dies war ein schwerer Verstoß gegen geltendes Völkerrecht.
Der geplante Angriffskrieg der USA gegen Irak träfe eine verelendete, hilflose Zivilbevölkerung, die noch immer unter den Folgen des Umweltinfernos von 1991 und dem anschließenden Sanktionsregime leidet. Im Irak herrscht eine Arbeitslosigkeit von 80 Prozent (geschätzt). Der Durchschnittslohn beträgt monatlich 2.000 bis 4.000 Dinar, das entspricht ein bis zwei Dollar. Bereits Mitte der neunziger Jahre war das Einkommensniveau der privaten Haushalte in dem einst wohlhabenden Ölstaat unter das ärmerer afrikanischer Länder gesunken. Von Ende Dezember 1996 bis Ende November 2001 verkaufte der Irak Erdöl in einem Wert von 50,7 Milliarden Dollar. Was tatsächlich im Rahmen des Programms “Öl für Nahrungsmittel” im Irak zu dieser Zeit ankam, belief sich auf einen Gesamtwert von nur 15,9 Milliarden Dollar oder einen Pro-Kopf-Betrag von 141 Dollar jährlich.
Vor dem Golfkrieg zählte die Versorgung der Bevölkerung im Gesundheitswesen zu den Besten der Welt, weshalb die Kindersterblichkeit des Landes weltweit zu den Niedrigsten gehörte. Nach der Operation “Desert Storm” stieg die Kindersterblichkeit in den Jahren von 1990 bis 1999 um 160 Prozent. Dies ist der höchste Anstieg von 188 Ländern, die analysiert wurden. Organisationen wie UNICEF und WHO stellten übereinstimmend fest, dass wegen des Embargos bislang über eine halbe Million Kinder starben. Die Sterblichkeit der neugeborenen Kinder liegt nach Aussage eines ausgewiesenen Kenners des irakischen Gesundheitswesens, Ulrich Gottstein, im Irak jetzt bei 10,8 pro 100 Lebendgeburten, vor dem Krieg waren es 4,7.
Wegen der Zerstörung von Düngemittel-, Pflanzenschutz- und Maschinenfabriken fehlen dem Land wichtige landwirtschaftliche Produktionsmittel. Die Fabriken konnten bislang nicht wieder instand gesetzt werden, weil wegen des Embargos keine Ersatzteile zu beschaffen sind. Das Fehlen von Saatgut, Düngemitteln, Pestiziden, Bewässerungspumpen, Landwirtschaftstechnik und Ersatzteilen führte zum Rückgang der Nahrungsmittel-Produktion auf die Hälfte des Vorkriegsniveaus. Der Staat weist zwar allen IrakerInnen monatlich Öl, Hülsenfrüchte, Mehl, Zucker und Tee zu, aber die Menge reicht in der Regel nur für 20 Tage; Fleisch, Eier, Milchprodukte, Gemüse und Obst müssen die Menschen kaufen, vorausgesetzt, sie können solche Waren bezahlen. Folge: Etwa 50 Prozent der Kinder sind deshalb unterernährt.
Den geplanten US-Krieg zu verhindern, wäre folglich aus humanitären, ökologischen und ökonomischen Gründen ein Gebot der Menschlichkeit. Wer meint, die Pläne der Vereinigten Staaten unterstützen zu müssen, sollte künftig schweigen, wenn über Vernunft, Humanität und umweltgerechte Entwicklung geredet wird.
Knut Krusewitz, Jahrgang 1941, war zuletzt Hochschullehrer für Umweltplanung an der Technischen Universität Berlin. Er ist Experte für die ökologischen Folgen moderner Kriege und dazu mit zahlreichen Publikationen hervorgetreten.